Jubel, Trubel, … Überdrehtheit – Wenn Kinder eine Pause brauchen

Wir haben eine turbulente Woche hinter uns. Ich merke das vor allem daran, dass das Bilderbuchmädchen abends kaum runterkommt. Viele Eindrücke konnte sie schon immer schwer verarbeiten (s. Wenn Babys sich nicht trösten lassen).

In der Woche vor Karneval, also vorletzten Sonntag, haben wir im Dorf meiner Schwiegereltern den ersten Karnevalszug besucht. Wir haben wie immer darauf geachtet, dass die Kleine vorher ihren Mittagsschlaf machen konnte und sind auch nach dem Zug relativ zeitig wieder nachhause aufgebrochen. Dennoch ist so ein buntes Treiben natürlich wahnsinnig aufregend für einen kleinen Menschen. Unser sonst dauer-plapperndes Bilderbuchmädchen war sprachlos. Sie kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Lauter bunte Wagen, kostümierte Menschen, laute Musik und die fliegenden Süßigkeiten … Was war denn hier los? Ich konnte meine Augen kaum von ihr abwenden. Ihr Gesichtsausdruck war so niedlich. Man konnte ihr deutlich ansehen, dass sie nicht wusste, was sie von all dem halten sollte. Aber spannend fand sie es auf jeden Fall.

Am Montag ging es dann zum ersten Mal seit einer Woche wieder zur Tagesmutter. Dort ist immer viel los. Wie hat sie sich gefreut, die Tagesmutti und die anderen Kinder wiederzusehen. Es war süß mitanzusehen. Sie bekam sogar ein Küsschen zur Begrüßung von einem der anderen Kinder. Montags geht die Tagesmutter immer in einen Kindergarten mit den Mäusen. Sie dürfen dort in der Sporthalle toben. Das macht bestimmt viel Spaß, aber ist natürlich auch viel Action …

Am Mittwoch Nachmittag kam unsere Nachbarin zu Besuch mit ihrer kleinen Tochter. Ich musste kurz in der Werkstatt mein Auto abholen und das Bilderbuchmädchen war zum ersten Mal mit den beiden alleine. Klingt nach einer Kleinigkeit, aber es war auch wieder etwas Neues. Als ich zurück war, haben die beiden kleinen Mädchen zusammen unser Wohnzimmer unsicher gemacht. Auch das war alles andere als ein ruhiger Nachmittag 😉

Altweiber gab es für das Bilderbuchmädchen dann bei der Tagesmutter eine Karnevalsparty mit insgesamt 12 Kindern. Hui … Dem schwierigen Einschlafen am Abend danach zu urteilen war das wohl seeeehr aufregend!

Am Freitag holte ich die Kleine von der Tagesmutter ab und zuhause wartete direkt meine Freundin Caro mit Bruno – dem Lieblingshund der Kleinen. Das Bilderbuchmädchen war vollkommen aus dem Häuschen und Bruno auch. Er hat auf die Kleine aufgepasst, als wäre sie sein Schäflein, das er hüten muss. Fangenspielen mit dem Bilderbuchmädchen durften Caro und ich nicht. Sofort wenn wir versucht haben sie zu schnappen, hat Bruno sich schützend zwischen die Kleine und uns gestellt und laut gebellt. Es war ein schöner, aber wuseliger Nachmittag.

Samstag Morgen waren wir dann bei meinen Eltern zum Frühstücken, denn die hatten wir auch schon zwei Wochen nicht mehr gesehen. Auch meine Schwester und ihr Kleiner waren da. Es war ein richtig schöner Familien-Morgen 🙂

Alles in allem mag es nach gemütlichen Besuchen und tollen abwechslungsreichen Tagen klingen, aber für das Bilderbuchmädchen war es viel. Sehr viel. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie in der Woche zuvor noch krank war. Es ist eine Lawine an Input für jemanden, der nicht mal 18 Monate auf dieser Welt ist. Für jemanden bei dem ein Stein oder ein Blatt noch Begeisterung hervorrufen können. Und wie aufregend muss dann erst oben genannte Woche sein? Jeden Tag neue Eindrücke. So viel zu verarbeiten.

Am Wochenende musste ich da mal die Reißleine ziehen, zumal sich auch schon wieder eine Erkältung bei der kleinen Maus ankündigte … Eine Pause musste her! Eine Pause, um die vielen Eindrücke einmal sacken zu lassen. Eigentlich trifft sich meine Familie Karnevals-Sonntag immer bei meinem Opa zum Zug gucken. Ich bin diesmal aber allein hingegangen und mein Mann und das Bilderbuchmädchen sind zuhause geblieben. So konnte sie zur gewohnten Zeit ihren Mittagsschlaf machen in ihrer gewohnten Umgebung und ohne weitere neue Reize.

Das war einfach mal nötig. Denn das Runterkommen ist abends momentan sehr heftig … Unser sensibles Kind nimmt nach wie vor sehr viele Eindrücke auf. Wenn andere Kinder vielleicht erschöpft einschlafen würden, kann sie nicht abschalten. Egal wie müde sie ist. Sie will nichts verpassen und würde nie, einfach mal nicht zuhören oder mal kurz nicht am Geschehen teilnehmen. Manche Kinder können das. Die starren eine Weile in die Leere, schlafen im Kinderwagen ein oder ziehen sich zurück und spielen in einer Ecke für sich. Unsere Kleine macht das nicht. Sie saugt einfach alles auf. Und abends ist es dann vorbei. Sie weiß dann nicht mehr wohin mit sich. Früher kam sie nach solchen Tagen aus dem Schreien abends bzw. nachts gar nicht mehr raus. Gut, dass diese Zeiten mittlerweile vorbei sind! Doch unser Bilderbuchmädchen ist auch heute noch oft überfordert mit dem Verarbeiten von so vollgestopften Tagen.

Wenn es ins Bett geht, ist sie total überdreht. Sie will immer wieder etwas trinken. Und nach einem ganzen Becher Wasser, will sie direkt den nächsten. Gibt man ihr den, saugt sie meist einen Schluck raus, gurgelt damit und prustet es nur so raus. Oder sie beißt in ihren Schnulli und zieht ihn heraus während sie das macht. Immer wieder … Sie will auf den Arm oder neben mich auf die Matratze vor ihrem Bettchen, doch erfüllt man ihr den Wunsch wirft sie sich nur unkontrolliert hin-und her. Sie reibt sich die Augen und gähnt, aber zur Ruhe kommt sie nicht. Sie wirft den Kopf weiter hin und her und man muss aufpassen, dass man keine Kopfnuss abbekommt. Sie zeigt auf Nase, Augen und Mund von sich selbst und mir und benennt diese. Sie zählt Namen auf von allen Personen, die wir in letzter Zeit getroffen haben. Freitag hat sie im Bett noch Bruno den Hund nachgeahmt. Immer wieder gebellt und gehechelt. Sie spielt „Kuck-kuck“ oder lässt ihre Puppe winken und ruft dazu: „Hallu! Hallu!“. Ich bin ja froh, dass sie einen anderen Weg gefunden hat damit umzugehen, als zu Schreien, aber es macht mich auch ganz nervös, wenn sie so drauf ist.

Ich selbst kenne Überreizung nur zu gut. Das war mir aber ehrlich gesagt nicht bewusst, bevor ich mit meinem Baby konfrontiert wurde, das nur schwer abschalten konnte. Mir fällt es auch schwer Dinge auszublenden. Musik ist mir oft zu laut. Laute Geräusche stressen mich extrem. Wenn ich mich gemütlich unterhalten will, passiert es mir, dass ich unbewusst aufstehe und das Radio leiser mache, damit ich mich besser auf das Gespräch konzentrieren kann. Auch andere Sinne sind bei mir stark ausgeprägt. Licht ist mir häufig zu grell. Ich habe eine ziemlich gute Nase. Selbst Nuancen von Gerüchen kann ich gut wahrnehmen und zuordnen. Nicht immer ein Segen. Schlechte Gerüche führen nicht selten dazu, dass ich würgen muss. In Situationen mit Menschengruppen, wo verschiedene Gespräche geführt werden, kann ich mich schlecht auf ein einziges Gespräch konzentrieren. Ich kann einfach nichts ausblenden. Jeglicher Input, den Sinne aufnehmen können, scheint ungefiltert bei mir anzukommen. Manchmal glaube ich, dass ich durch dieses „Nichts-Ausblenden-Können“ auch dauernd so müde bin. All die aufgenommenen Dinge müssen verarbeitet werden. Wahrscheinlich geht das am besten im Schlaf und davon kann ich kaum genug bekommen 😉

Warum ich das erwähne? Weil ich mir vorstellen kann, dass es meiner Tochter ähnlich geht. Dazu kommt noch, dass für sie alles neu ist. Ich kann so gut verstehen, dass sie abends vor lauter Eindrücken aufgekratzt ist. Mancher mag es seltsam finden, dass ich auf einen Mittagsschlaf täglich zur selben Zeit bestehe. Dass ich ihre Bettgehzeit nur in seltenen Ausnahmefällen nach hinten verschiebe. Dass ich sie zum Familientreffen beim Karneval nicht mitnehme. Ja, das wirkt unflexibel und starr, aber das ist mir egal. Ein Tagesablauf mit regelmäßigen Pausen und Zeiten auf die sich die Kleine einstellen kann, sind wichtig für sie. Sie erlebt so viel. Warum sollte ich ihr noch mehr zumuten? Und manchmal sind die alltäglichen Dinge schon spannend genug. Besonders tolle und aufregende Ausflüge kann man später noch unternehmen. Gerade wenn ich darüber nachdenke, was für Kleinigkeiten für unsere Maus noch interessant sind.

Gerade als sie heute einen Krümel auf dem Küchentisch mit einem bewundernden:“Boahr!“ betitelte wurde mir wieder bewusst, dass wir noch viel Zeit haben, die große weite Welt mit ihren Traditionen und Eigenheiten kennenzulernen 😉

6 Gedanken zu „Jubel, Trubel, … Überdrehtheit – Wenn Kinder eine Pause brauchen

  1. Frühlingskindermama

    Ich kenne vieles davon, sowohl von einem meiner Kinder als auch von mir. Obwohl es mir schon vor dem Kind bewusst war, dass ich schlecht abschalten kann und reizoffen bin, habe ich es vorher als Schwäche oder Marotte empfunden und mich weitestgehend darauf eingerichtet. Mein Kind konnte das nicht, und ich als Mama mit so einem fordernden Kind auch nicht. Es war schwierig, bis wir da alle einen guten Weg gefunden hatten. Der sah so ähnlich aus wie eurer und wir haben dafür auch viel Unverständnis einstecken müssen. Aber die anderen müssen eine Schreinacht ja nicht ausbaden, oder? Insofern: ihr macht alles richtig, macht weiter so, und es wird die Zeit kommen, das wird sie sich allein zurückziehen und sich ihre Pausen holen. Bis dahin braucht sie euch zur Regulation.
    Liebe Grüße!

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    1. Nätty

      Es ist immer schön zu hören, dass es Menschen gibt, die einen verstehen 🙂 Es ist manchmal schwierig für mich damit umzugehen. Meine Nerven liegen nach stressigen Tagen blank, aber zurückziehen geht nicht. Zum Beispiel, wenn die Kleine wie ein Duracell-Häschen durch die Wohnung hüpft (wenn wir Glück haben tut sie sich dabei nicht auch noch weh) und dabei in den höchsten Tönen kreischt, nachdem ich sie nach der Arbeit abgeholt habe. Meine einzige Ruhepause war dann die Fahrt von der Arbeit nachhause. Und die ist meist auch nicht sehr entspannend, denn natürlich bin ich immer spät dran 😉 Wenn dann noch am Abend eine laaange, hibbelige Einschlafbegleitung folgt, bin ich vollkommen durch und esse danach erst mal einen Berg Schoki. Das Schlimme ist ja, ich verstehe meine Kleine sooo gut, aber manchmal kann ich ihr gar das gar nicht zeigen, weil ich selbst erst mal ruhig werden muss. Hoffe, dass sich das wie bei euch einspielen wird. Und du hast ja sogar zwei kleine Rabauken. Respekt! Naja, es ist hier ja auch auf jeden Fall schon besser geworden! Bei mir selber wurde es aber im Erwachsenen-Alter schlimmer. Ich kann mich erinnern, dass ich mich als Kind gewundert habe, warum Erwachsenen immer alles zu laut ist. Jetzt weiß ich`s … Ganz liebe Grüße zurück!

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  2. kiwimamasblog

    Gerade das mit dem Einschlafen kommt mir sehr bekannt vor, das kann Kiwi auch überhaupt nicht (konnte sie noch nie). Sie nimmt auch sehr Vieles wahr und wir bekommen von allen Seiten zu hören, wie „aufmerksam“ sie doch sei. Ich stoße dann auch manchmal auf Unverständnis, wenn ich auf ihre Schlafenszeiten (oder -orte) bestehe. So Sprüche wie „Sie kann doch einfach im Kinderwagen nebenan schlafen!“ mag ich echt nicht mehr hören.

    Was ich aber tatsächlich noch nie gemacht habe ist, mal darüber nachzudenken, ob ICH eventuell auch so reizoffen sein könnte. Deswegen habe ich gerade gestutzt, als ich deine Beschreibung zu dir selbst gelesen habe, denn das könnte ich 1:1 zu unterschreiben. Tatsächlich hatte ich schon öfter mal das Gefühl „mehr wahrzunehmen“, als viele andere um mich herum (oder habe das oft gesagt bekommen), habe mir dabei aber nie etwas gedacht. Gerade bei Geräuschen bin ich glaube ich echt empfindlich und genau das ist bei Kiwi auch besonders ausgeprägt. Insofern: Danke für diesen Post! Jetzt weiß ich, woher sie das hat 🙂

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    1. Nätty Beitragsautor

      Ohja, diese Sprüche kenne ich auch … Ich hab früher tatsächlich darüber nachgedacht, ob ich mich zu sehr anstelle, was feste Zeiten und Orte angeht zum Schlafen. Bin froh zu hören, dass es bei anderen auch wichtig/nötig ist ein strukturiertes Umfeld zu bieten.
      Ja, die Erkenntnis ein besonders reizoffener Mensch zu sein ist auch für mich noch relativ neu. Aber es erklärt vieles. Vieles was mich angeht und vieles was die Kleine angeht. Manchmal hilft allein die Erkenntnis schon dabei manche Situationen besser zu verstehen und dann damit auch besser umzugehen. Vielleicht dir ja jetzt auch 🙂

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  3. beatriceconfussBeatrice

    Ich verstehe das auch! Wir halten hier auch unseren Ablauf ein. Ausnahmen gibt es natürlich. Aber zu viele Ausnahmen machen alles durcheinander. Die Kinder kommen nicht mehr runter. Wenn ich das Gefühl habe, es waren zu viele aufregende Tage, dann mache ich auch einen Cut. Dann wird irgendein an sich toller Event nicht mitgemacht, weil es einfach mehr Stress als Spaß bedeuten würde. Ich würde mal sagen: Alles richtig gemacht! 🙂

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  4. Nätty Beitragsautor

    Danke. Ich bin auch froh dass wir seit geraumer Zeit eine gewisse Struktur im Tagesablauf haben. Meiner Kleinen hat das richtig gut getan. Und mir auch 😉

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